Werkbank Abgrund / Das Echo der Hölle

 

STALAG X B - DAS ECHO DER HÖLLE

GEMÄLDE UND ZEICHNUNGEN VON TETJUS TÜGEL

DAS EHEMALIGE KRIEGSGEFANGENEN- UND KZ-AUFFANGLAGER SANDBOSTEL

DIN A4-Serie: Chinatusche, Kohle, Pastellkreide, Bleistift, Dispersion Copyright (c) Tetjus Tügel
 

 

Der durch das Buch "STALAG X B Sandbostel" von Dr. Klaus Volland und Werner Borgsen angeregte und 2001 entstandene Gemäldezyklus wurde 2002 erstmals im Raum Sandbostel (Oberklenkendorf) und in Bremervörde ausgestellt, 2004 schließlich auch im Dokumentationszentrum des Mahnmals "St. Nikolai-Kirche" in Hamburg.

"Das Schweigen hinter den Spießergardinen"
Schwieriges Gedenken: Das Kriegsgefangenenlager "Stalag X B"

Von Dieter Sell

Bremen (epd). Wenige gehen mit der Hölle von Sandbostel so offen um wie Tetjus Tügel. Mit einem Bilderzyklus stellt sich der Maler aus einem kleinen Dorf in der Region "gegen das Schweigen über das Stalag X B hinter den Spießergardinen", wie er sagt. Vor der Befreiung des Lagers durch die Briten am 29. April 1945 starben auf dem Areal im kargen Moor bei Bremen bis zu 40.000 Menschen. Doch eine Gedenkstätte am Ort des Grauens gibt es nicht, im Gegenteil. 1974 entstand dort ein Gewerbegebiet mit dem idyllischen Namen "Immenhain".

Heute befindet sich auf dem Gelände die Straßenmeisterei des Landkreises. Wenige Schritte entfernt lagert ein Militaria-Großhändler Kartons mit Uniformen. Aus den Fenstern der ehemaligen Lagerküche quellen Blechdosen mit Gasmasken. Erst kürzlich floss dort, wo vor 60 Jahren die SS bei einer Hungerrevolte Gefangene erschoss, das Freibier beim Frühlingsfest. "Die Hölle soll offen und erkennbar sein", wendet sich der neofigurative Maler Tügel gegen jede Form der Verdrängung.

Auf dem ehemaligen Lagergelände sind noch 25 historische Baracken zu finden. Sie stehen zwar allesamt unter Denkmalschutz. Doch an vielen Stellen sind die Dächer eingestürzt, die Holzwände verrotten. Schafe weiden auf den Grünflächen. Es gibt kein Schild, das auf das ehemalige Lager aufmerksam macht.

Mitten im "Immenhain" wohnt ein Mann, der früher Überlebende des Stalag X B vom Gelände getrieben hat und heute gegen ein Trinkgeld angemeldeten Besuchergruppen wortkarg Baracken aufschließt. Man solle das alles nicht so aufbauschen, sagt der Bewohner eines Häuschens direkt neben der asbestverseuchten katholischen Lagerkirche. Sandbostel sei "ein ganz normales Kriegsgefangenenlager" gewesen.

Auch der Lagerfriedhof ist ein Dokument der Verdrängung. Ein Mahnmal für die umgekommenen sowjetischen Gefangenen wurde 1956 abgerissen. Das Gräberfeld ist als "Kriegsgräberstätte" ausgewiesen. Vor fünf Jahren schändeten Neonazis die Anlage mit Hakenkreuzen und Sprüchen. Kaum etwas erinnert an das Leid der schätzungsweise eine Million Häftlinge, die aus 46 Ländern in diese unwirtliche Gegend verschleppt wurden. Nirgendwo gibt es erklärende Worte zu den KZ-Häftlingen aus Neuengamme, die von der SS kurz vor dem militärischen Zusammenbruch nach Sandbostel getrieben wurden und oft schon auf den Todesmärschen starben.

Seit Jahrzehnten kämpft der Leiter der Dokumentationsstätte Sandbostel, Dr. Klaus Volland, für eine Gedenkstätte auf dem Lagergelände. "Sandbostel, das war der Holocaust vor der Haustür", sagt der Geschichtslehrer. Doch eine Ausstellung der Dokumentationsstätte über das Mannschaftsstammlager B im Wehrkreis X muss noch immer in einer Privatwohnung im benachbarten Bremervörde gezeigt werden.

Nur langsam ändert sich etwas. Vor einigen Monaten ist eine Stiftung gegründet worden, um eine Gedenkstätte auf historischem Boden zu errichten. Verkaufsverhandlungen für einen Teil des Geländes laufen. Die evangelische Landeskirche Hannover trägt sich mit dem Gedanken, eine Baracke zu einer "spirituellen Zelle" umzuwidmen. Hinter dem sperrigen Namen verbirgt sich nach Auskunft von Pastor und Projektleiter Peter Handrich ein Ort für Seminare und Meditation zu grundsätzlichen Fragen des Lebens.

"Viele werden denken: Das ist kein Ort, um klösterlich abgeschieden zu leben", sagt Handrich. "Doch das Gegenteil ist der Fall. Dies ist der Ort, an dem nachgedacht werden kann, welchen Zusammenhang unser Leben mit dem anderer Menschen, mit der Welt und mit Gott hat." Den Dialog und das Nachdenken will auch Tetjus Tügel mit seinem aufrüttelnden Bilderzyklus anregen. 14 Motive zeigen die hungernden russischen Gefangenen, die Wachposten, die mit KZ-Leichen gefüllte Kipplorenbahn.

Auf dem letzten Bild sind unter einem düster-schwefelgelben Himmel die dürren Gestalten einer Häftlingsgruppe zu erkennen, die wie angewurzelt auf der zentralen Lagerstraße stehen. Der Weg und die Gleise der Schmalspurbahn, mit der die Leichen fortgeschafft wurden, verlieren sich in der Ferne. Über allem der Schriftzug "A minor Belsen". Es ist der Ausspruch eines entsetzten britischen Offiziers in Sandbostel, der 14 Tage zuvor schon die Befreiung des Lagers Bergen-Belsen miterlebt hat. Ein "kleines Bergen-Belsen", an das viele in der Region nicht erinnert werden wollen. (epd Niedersachsen-Bremen / b1260 / 25.04.05)

Informationen im Internet: www.gedenkstaette-sandbostel.de

Bericht aus EVANGELISCHER PRESSEDIENST (epd) NIEDERSACHSEN-BREMEN 25.04.2005

 

Oel auf Papier auf Holz   Copyright (c) Tetjus Tügel


BACK      TOP      NEXT

003 067 009

tumblr site counter